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  • Antje Przyborowski

Der emotionale Erste-Hilfe-Kasten für Trauerkrisen

Für körperliche Verwundungen und Schmerzen haben wir regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kasten zur Hand. Er befindet sich zum Beispiel in deinem Auto. Wenn du an einen Unfallort kommst oder du oder ein Mitfahrer sich verletzt, hast du alle Hilfsmittel dabei, um Erste Hilfe leisten zu können: Pflaster, Verbandsmaterial, Gummihandschuhe, eine Rettungsdecke. Doch wie sieht es in seelischen Krisen wie der Trauer aus?


Wenn es uns seelisch schlecht geht, fehlt uns oft die Erste Hilfe. Dabei benötigen seelische Verletzungen genauso eine Wundversorgung wie körperliche. Abhilfe kann hier ein emotionaler Erste-Hilfe-Kasten bringen. Diesen kannst du dir recht einfach selbst schaffen. Du schaust, was dir hilft, wenn es dir nicht gut geht. Das kann ein heißes Bad sein. Oder eine große Tafel Schokolade. Einige schwören auf Joggen. Wichtig ist nur, dass es dir Entlastung bringt.


Um den emotionalen Erste-Hilfe-Kasten immer parat zu haben, empfehle ich dir, dich in einer ruhigen halben Stunde einmal hinzusetzen und zu überlegen, was dir bislang in Stresssituationen oder Krisen geholfen hat, dich zu stabilisieren. Du kannst dich fragen: Was lässt mich ausatmen? Wobei kann ich zu mir kommen? Schreibe sie auf, lege sie dir an einen guten Ort, damit du sie bei Bedarf immer zur Hand hast.



Erste Hilfe für Notlagen


Jeder hat einen im Auto, viele auch einen zu Hause: den Erste-Hilfe-Kasten. Der eine oder andere besucht regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs, um seine Kenntnisse aufzufrischen. Wenn du oder jemand in deinem Umfeld dann verletzt ist, kannst du gut und sicher helfen. Pflaster, Verbandsmaterial, Schere, Gummihandschuhe – alles ist schnell zur Hand. Soweit zu den physischen Verletzungen.


Doch wie sieht es bei psychischen Verletzungen aus? In einer seelischen Krise, wie zum Beispiel im Trauerfall, stehen wir oftmals hilflos da und wissen nicht, was wir tun sollen. Du bräuchtest ein Pflaster, um deinen seelischen Schmerz zu bedecken. Oder einen Verband, um die Wunde, die der Tod eines geliebten Menschen dir geschlagen hat, zu verbinden. Doch wo bekommst du die jetzt her?


Normalerweise wissen wir, was uns gut tut. Wenn wir im „Normalmodus“ sind, erinnern wir uns gut daran, was uns unterstützt. In Krisensituationen jedoch vergessen wir diese Dinge oft. Wir fühlen uns überrumpelt, ohnmächtig, kraftlos. Alles ist zu viel. Die einfachsten Dinge, die uns helfen könnten, fallen uns dann nicht mehr ein.


Natürlich kannst du versuchen, deinen Schmerz zu betäuben. Viele Menschen probieren das. Das „Angebot“ dafür ist vielfältig: Alkohol, Beruhigungstabletten, weiche und harte Drogen. Doch all diese Dinge betäuben eben nur, sie übertünchen den Schmerz, die Wunde. Sie helfen aber nicht beim Heilen, sie überdecken die Verletzung nur. Die seelische Wunde darunter bleibt erhalten. Sie schmerzt, sobald die Betäubung nachlässt.



Auch seelische Notlagen benötigen eine Erste Hilfe


Was dir stattdessen helfen kann, ist ein emotionaler Erste-Hilfe-Kasten. Einen, der dir in verschiedenen seelischen Notlagen und Krisen – nicht nur in der Trauer - zuverlässig zur Seite steht. Der dir hilft, den Schmerz, der dich quält, erträglicher zu gestalten, ohne zu betäuben. Der dir deine Handlungsfähigkeit in Zeiten tiefer seelischer Ohnmacht zurückgibt.


Diesen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten kannst du nicht kaufen. Aber du kannst ihn dir selbst zusammenstellen. Hinein kommt alles, was dir bisher bei seelischen Tiefs geholfen hat. Nimm dir am besten einen Zettel und eine halbe Stunde Zeit. Schreibe auf, was dir Entlastung bringt. Frage dich: Was hat mir bisher geholfen in schwierigen Situationen? Wenn du bereits schwere Krisen überwunden hast: Was hat mir damals Entlastung gebracht? Werte nicht, schreibe einfach auf.


Wenn du fertig bist, lies dir deine Liste durch. Spüre bei jedem Punkt nach, wie er dir damals geholfen hat. Fühle, ob dir dieser „Verband“ vielleicht auch jetzt in deiner Trauer weiterhelfen könnte. Merkst du, dass du ruhiger wirst, dein Atem entspannter fließt, bist du auf einem guten Weg. Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du die Erste-Hilfe-Maßnahme auch einfach ausprobieren und schauen, ob sie dich jetzt weiterbringt.



Was gehört alles in den emotionalen Erste-Hilfe-Kasten?


In den emotionalen Erste-Hilfe-Kasten gehört alles, was dir gut tut. Meiner enthält unter anderem folgende Dinge:

  • ein heißes Bad,

  • auf dem Sofa in eine warme Decke kuscheln,

  • eine große Schachtel Pralinen,

  • ein Waldspaziergang allein,

  • ein gutes Buch lesen,

  • meinen Frust ins Tagebuch schreiben.

Natürlich gibt es viel, viel mehr, was helfen kann. Vieles ist auch vom jeweiligen Gefühl abhängig, welches dich in der Trauer überrollt. Bei Wut kann ein Boxsack hilfreich sein. Bei Antriebslosigkeit eine heiße Schokolade mit Sahne. Für was auch immer du dich entscheidest – wichtig ist, dass es dir hilft. Je mehr Dinge du findest, um so besser. Dann hast du im Notfall viele verschiedene Möglichkeiten, die dir helfen, so dass du dir das gerade Passende heraussuchen kannst.


Lass dabei den inneren Kritiker außen vor, der dir sagt, dass beispielsweise Schokolade dick macht. Oder ein heißes Bad zu viel Energie verbraucht. Hier geht es nur darum, dass es dir gut tut. Dein eventuell vorhandenes schlechtes Gewissen kannst du auch später noch pflegen. In Notlagen und Kristen darf es gern frei haben.


Wie der Begriff „Erste Hilfe“ schon sagt, geht es hier in erster Linie um eine schnelle Hilfe in emotionalen Notlagen und Krisen. Davon unabhängig sind Hilfen und Unterstützung, wenn es dir dauerhaft nicht gut geht. Scheue dich auch hier nicht, dir Unterstützung von außen zu holen. Manchmal braucht es das.


Ich empfehle dir, deinen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten an einer gut sichtbaren Stelle zu deponieren. So hast du ihn jederzeit zur Hand, wenn dich zum Beispiel der Trauerschmerz überrollt oder du gerade nicht mehr weiter weißt. Er steht dir dann wie auch ein „normaler“ Erste-Hilfe-Kasten im Notfall immer zur Verfügung.


Natürlich kannst du den Inhalt deines Kastens regelmäßig durchsehen und ergänzen. Oder die Dinge herausnehmen, die nicht so gut funktionieren. Es ist dein emotionaler Erste-Hilfe-Kasten. Er soll dir helfen. Damit du wieder in ein seelisches Gleichgewicht zurückfindest.


Achte auf dich.

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