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  • Antje Przyborowski

Ein Perspektivwechsel kann Räume öffnen

Heute möchte ich dich zu einem Perspektivwechsel einladen. Jeder Verlust und jedes Unglück, egal, wie schlimm sie sind, ermöglichen dir auch eine Neuorientierung oder Weiterentwicklung. Gezwungenermaßen kannst du oftmals nicht so weitermachen wie bisher. Wenn zum Beispiel dein Partner verstorben ist und du dir eure gemeinsame Wohnung nicht mehr leisten kannst, bist du gezwungen umzuziehen. Du musst deinen Alltag neu strukturieren, um ihn bewältigen zu können.


Oftmals ist gerade bei schweren Verlusten unser Blick sehr eingeengt. Wir sehen nur das Schlimme, das, was uns aus der Bahn wirft. Wir merken an allen Ecken und Enden, was fehlt. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, in der wir daran erinnert werden, was wir nicht mehr haben, zieht es uns tiefer nach unten. Wir wollen, dass der Schmerz und die Unsicherheit weggehen. Doch das tun sie nicht. Sie bohren weiter, so dass es uns immer schlechter geht und wir nicht mehr wissen, wie wir aus dieser Abwärtsspirale herauskommen.


Hier kann ein Perspektivwechsel helfen. Du kannst dich fragen, welche Chancen sich für dich aus der veränderten Situation ergeben. Vielleicht wolltest du schon immer mal in eine andere Stadt ziehen, was dir jetzt möglich ist. Vielleicht gibt es auch etwas, was du aus deiner jetzigen Lage lernen und künftig anders machen kannst. Die Antworten auf diese Fragen lassen deine Trauer nicht verschwinden, aber sie können Räume für dich öffnen, um dein Leben nach dem Verlust neu zu gestalten.




Der Tunnelblick in der Trauer


Trauer hat die Tendenz, uns aus dem Leben zu reißen. Sie zieht uns oftmals in eine Abwärtsspirale negativer Gefühle. Schmerz, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Verzweiflung – alles legt sich übereinander und beschwert uns. Wir fühlen uns schwach und antriebslos. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Unser Blick wird zum Tunnelblick. Er schränkt uns ein. Wir sehen vielmals nur das Schlimme, das, was uns aus der Bahn geworfen hat.


Wenn du zum Beispiel deinen Partner verloren hast, siehst du auf der Straße oder im Bekanntenkreis überall nur strahlende, lächelnde Paare. Bist du tief im (erfolglosen) Kinderwunschprozess, laufen dir ständig glückliche, schwangere Frauen oder Mütter mit Babys und Kleinkindern über den Weg. All das zieht dich weiter nach unten und zeigt dir, was du nicht hast, nicht kannst, nicht schaffst. Dein Selbstwertgefühl befindet sich im Sturzflug, den scheinbar nichts aufhalten kann.


Dazu kommt das Gedankenkarussell. Warum ich? Warum passiert das mir? Warum habe ich nicht dieses oder jenes getan? Alles kreiselt wie wild. Du willst es stoppen, doch es klappt nicht. Vielleicht kurzfristig, aber nicht auf Dauer. Gerade, wenn du allein mit dir und deinen Gedanken bist, kommen sie hoch. So kann dich deine Trauer immer weiter nach unten ziehen.



Ein Perspektivwechsel als Gegenstück zur Abwärtsspirale


Um aus dieser Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit herauszukommen, kann dir ein Perspektivwechsel helfen. Perspektivwechsel heißt zu überlegen, welche Möglichkeiten sich für dich aus dieser neuen Situation ergeben. Denn jede Situation hat immer zwei Seiten, auch in guten Zeiten. Wenn du zum Beispiel einen neuen, interessanten Job in einer fremden Stadt annimmst, lässt du dein bisheriges vertrautes Umfeld zurück.


Genauso ist es in der Trauer. Wenn du etwas verlierst oder dir ein Unglück passiert, dann gibt es – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer erkennbar ist – auch eine andere Seite. Es ergeben sich neue Möglichkeiten. Das heißt nicht, dass du dich über das, was passiert ist, freuen sollst. Ein Verlust bleibt ein Verlust und du darfst solange und so tief darum trauern, wie du es brauchst. Trotzdem möchte ich dich einladen, dich zu fragen, welche Chancen sich aus dem Verlust für dich ergeben.


Wenn du zum Beispiel deine kranken Eltern gepflegt hast, dann gibt dir ihr Tod – so schmerzhaft er für dich auch sein mag – die Möglichkeit, neben deiner Trauer auch etwas Neues zu beginnen. Du musst jetzt vielleicht nicht mehr jeden Tag vor und nach der Arbeit quer durch die Stadt fahren, um sie zu versorgen. Diese dir jetzt zur Verfügung stehende Zeit kannst du für die Dinge nutzen, die bislang liegen geblieben sind oder die du dir nicht erlaubt hast, weil du zum Beispiel immer für deine Eltern da sein wolltest.


Eine weitere aus meiner Sicht wichtige Frage ist diejenige danach, was du aus der Situation, in der du dich befindest, lernen kannst. Hast du zum Beispiel deinen Partner frühzeitig durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit verloren, so kann die Antwort auf diese Frage lauten, Dinge nicht auf später zu verschieben. Denn wir alle wissen nicht, wieviel Zeit uns im Leben bleibt. Oftmals wird uns das aber erst bewusst, wenn wir direkt mit dem Tod konfrontiert werden.



Dinge, an denen du wachsen kannst


Wenn du noch einen Schritt weiter gehen möchtest, kannst du überlegen, was du noch nie in deinem Leben gemacht hast. Bestimmt finden sich Dinge, die du – aus welchen Gründen auch immer – noch nie getan hast. Vielleicht, weil du bislang keine Zeit dafür hattest. Vielleicht, weil du dich bisher vor ihnen gescheut hast. Oder weil du glaubtest, das könntest du sowieso nicht. Womöglich sind sie dir aber auch einfach noch nie in den Sinn gekommen.


Premieren geben uns die Möglichkeit zu wachsen, unser Leben mit und nach dem Verlust neu zu entdecken. Vielleicht warst du noch nie am Meer. Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, dorthin zu reisen. Vielleicht hast du noch nie ein Instrument gelernt. Dann fange jetzt damit an. Schick den inneren Schweinehund in die Ferien, der dir sagt, dass du gerade jetzt dafür keine Zeit hast und das ganze sowieso keinen Sinn hat.


Dabei spielt es keine Rolle, ob du für all diese Dinge Talent hast. Talent wird oftmals überbewertet. Die meisten Dinge lernen wir nicht durch Talent, sondern durch Ausprobieren und Fleiß. Wenn du nicht ausdauernd übst, wird selbst mit dem größten Talent aus dir kein Meister. Außerdem erwartet niemand von dir, dass du zum Beispiel mit 43 Jahren bei „Jugend musiziert“ noch Preisträger wirst. Aber vielleicht stellst du ja überrascht fest, dass es dir Spaß macht zu musizieren.



Ein Brainstorming zur Ideenfindung


Dir fällt nichts ein? Dann nimm dir einfach ein Blatt Papier und einen Stift. Schreibe ganz oben: „Ich habe/bin noch nie ...“. Stell dir einen Wecker auf zehn Minuten und schreibe in einfach drauf los, was dir in den Sinn kommt. Frage nicht danach, ob das, was du aufgeschrieben hast, überhaupt realisierbar oder sinnvoll ist. Fällt dir gerade gar nichts ein, dann ziehe einfach eine Wellenlinie. Setze den Stift möglichst nicht ab. Schreibe solange, bis die Zeit abgelaufen ist.


Wenn die Zeit um ist, lies dir dein Geschriebenes durch. Welche Punkte springen dich an? Was davon ist vielleicht sogar kurzfristig und ohne viele Umstände umsetzbar? Dieses unbewusste Schreiben bringt oftmals unsere Wünsche und Gedanken besser zum Ausdruck, als wenn wir lange darüber grübeln und ständig das Für und Wider abwägen. Beim unbewussten Schreiben hat der innere Kritiker Sendepause, so dass wir ganz bei uns sind.


Und was ist mit den Wünschen, die überhaupt nicht realisierbar sind, zum Beispiel ein Flug zum Mars? Dann koch dir einfach eine schöne Tasse Tee oder Kaffee und stell dir vor, wie es wäre, wenn du diesen Wunsch realisieren könntest. Du kannst dir diese Reise in allen Facetten ausmalen, mit allen Geräuschen, Gerüchen, Lauten und Empfindungen. Auch Träume können glücklich machen und dir Entlastung bringen.


Achte auf dich.

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