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  • Antje Przyborowski

Geh deinen persönlichen Trauerweg

Trauerwege sind oftmals steinig und schwer. Und so individuell wie jeder Mensch. Deshalb bringt es nichts, wenn du versuchst, Ratschläge anderer einfach zu übernehmen. Vielleicht haben sie mit dir gar nichts zu tun. Ratschläge können Möglichkeiten aufzeigen, aber auch „Schläge“ sein, bei denen du den Eindruck gewinnst, dass du nicht in Ordnung bist, so wie du trauerst. Du kannst deinen Trauerweg nur auf deine Art und Weise gehen.


Versuche, dabei in deinem eigenen Tempo zu gehen. Ob andere schneller unterwegs sind, ist egal. Trauer ist keine Leistung, die absolviert werden muss. Trauer ist ein Gefühl, das geachtet und durchgearbeitet werden möchte. Auch ob die Schritte, die du durch die Trauer gehst, groß oder klein sind, bleibt dir überlassen. Du kannst nur die Schritte machen, für die du Kraft hast.


Geh in deinem Tempo mit deinen Schritten. Gern auch mit Begleitung, aber du bestimmst, wohin und wie schnell. Denn nur du kannst deinen Weg gehen. Er muss für niemanden außer dich passen. Ob andere deinen Weg für einen Umweg halten, spielt überhaupt keine Rolle.




Es ist dein Weg


Wie oft hast du schon in diesen oder jenen Lebenslagen von anderen Menschen Ratschläge erhalten: Tue dies und es wird dir besser gehen. Mach es lieber so, das funktioniert auf jeden Fall. In der Trauer ist das nicht anders. Wenn deine Mitmenschen deiner Trauer nicht gerade hilflos gegenüber stehen, geben sie dir gern Ratschläge, wie du dies oder jenes tun sollst.


Gerade direkt nach dem Verlust, wenn du vielleicht noch unter Schock stehst, kann das erst einmal hilfreich sein. So viel ist neu zu organisieren und zu erledigen. Doch irgendwann ist das vorbei. Meist beginnt die Trauer erst dann richtig, sich bemerkbar zu machen. Spätestens dann solltest du genau auf dich schauen, was dir gut tut.


Nur weil deiner Freundin beim Verlust ihrer Mutter dies oder jenes gut getan hat, muss das nicht bei dir der Fall sein. Auch Dinge, die beim Nachbarn funktioniert haben, müssen dir nicht helfen. Denn deine Trauer ist persönlich, sie betrifft dich. Deshalb kann auch dein Trauerweg nur dein persönlicher sein. Vielleicht wirst du viel probieren müssen, um herauszufinden, wo dein Weg lang geht. Der eine oder andere Irrweg kann auch dabei sein. Wichtig erscheint mir, dass du dabei immer schaust, was dir gerade gut tut.


Wenn es dir hilft, jeden Tag auf den Friedhof zu gehen, dann tue es. Wenn dich bereits der Gang zum Friedhof aus dem Gleichgewicht wirft, dann schau, ob es dir vielleicht mit Unterstützung, zum Beispiel durch eine Freundin oder einen Freund, besser gelingt. Oder schiebe es ganz hinaus. Manche Menschen brauchen Jahre, bis sie es schaffen, erstmals nach dem Tod eines geliebten Menschen an seinem Grab zu stehen.



Gehe deinen Trauerweg in deinem eigenen Tempo


Genauso wie dein Trauerweg individuell ist, so ist es auch dein Tempo. Der eine braucht mehr Zeit, die andere weniger. Manch einer hat bereits ein halbes Jahr nach dem Verlust das Gefühl, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Die Trauer ist vernarbt, aber das Leben ist neu geordnet und kann mit dem Wissen um den Verlust weitergehen.


Andere Menschen sind vielleicht auch viele Jahre nach dem Verlust noch nicht an diesem Punkt angekommen. Eventuell kommt er auch nie. Beides ist in Ordnung. Du kannst auch zwischendurch das Tempo verlangsamen oder erhöhen, wenn es sich gut für dich anfühlt. Wenn du merkst, dass du stolperst, kannst du einen Gang herunterschalten. Innehalten. Der Trauer nachspüren.


Auch Stillstand im Trauerprozess ist durchaus möglich. Es gibt keine Vorgaben, wonach du immer gleichmäßig durch die Trauer gehen musst. Nicht jeden Tag muss ein Schritt gegangen werden. Es kann auch sein, dass du den Eindruck hast, dass du eher rückwärts läufst. Auch das ist bei Trauer normal. Trauer verläuft nicht geradlinig, sondern oft im Zickzack oder in Schleifen. Es gibt keinen Endtermin, zu dem du durch sein musst mit deiner Trauer.


Wenn du zum Beispiel den Eindruck hast, dass es dir gut tut, die Sachen deines verstorbenen Partners noch im Schrank zu lassen, weil du dann immer wieder an ihnen riechen kannst, ist das völlig okay. Wie lange du diesen Zustand beibehältst, bleibt dir überlassen, auch wenn es Jahre oder der Rest deines Lebens sind.


Vielleicht magst du auch nach einer gewissen Zeit ein Stück nach dem anderen ausräumen. Jeden Tag eines zum Beispiel. Oder immer mal wieder eine Schublade. Eventuell tut es dir gut, die Sachen zu verschenken, weil du dann weißt, dass jemand anderes sie noch nutzt. Vielleicht ist dir dieser Gedanke aber auch unerträglich und du möchtest sie lieber verbrennen.


Manch einer hat jedoch auch das Gefühl, zum Beispiel nach einer Trennung, dass alles, was an den Ex erinnert, jetzt ganz schnell raus muss, damit der Schmerz erträglich bleibt. Auch hier gilt: Alles kann, nichts muss. Über dein Tempo entscheidest du selbst.



Entscheide selbst über die Schritte, die du gehst


Gerade wenn deine Trauer lange anhält, geben deine Mitmenschen dir vielleicht zu verstehen, dass es jetzt aber mal genug ist mit der Trauer. Irgendwann müsse es jetzt wieder gut sein. Das Leben gehe ja weiter. Solche Worte können verletzend und abwertend sein, unterstellen sie doch, dass du dir nicht genug Mühe bei der Trauerbewältigung gegeben hast oder dass mit dir etwas nicht in Ordnung ist. Doch das stimmt nicht.


Trauer ist nichts, was ein Verfallsdatum hat. Trauer ist ein Gefühl, was Zeit benötigt. Die Erwartungen anderer Menschen sind ihr Problem, mit dem sie selbst klarkommen müssen. Sie sollten dich aber nicht definieren. Dich zu definieren bleibt auch in der Trauer deine Aufgabe. Auch hier gilt es: Schau dir regelmäßig an, ob das, was du von dir selbst erwartest, überhaupt realistisch ist. Vielleicht benötigst du mehr Zeit oder mehr Unterstützung, als du zunächst gedacht hast. Dann nimm sie dir. Achte auf deine Bedürfnisse, auf das, was dir gut tut.


Wenn du also den Eindruck hast, dass dir gerade alles zu viel ist, dass du keine Kraft mehr hast, deinen Alltag zu bewältigen, dann schau, ob du jetzt Hilfe bekommen kannst. Vielleicht benötigst du eine Zeitlang Unterstützung durch Freunde und Nachbarn, bis es dir wieder besser geht. Vielleicht fühlt es sich für dich besser an, wenn diese Unterstützung durch einen Außenstehenden, zum Beispiel einen Trauerbegleiter oder Coach, kommt.


Doch auch hier gilt: Ein Trauerbegleiter ist nur ein Begleiter. Er kann dir Möglichkeiten aufzeigen. Ob sie für dich passen, kannst nur du allein entscheiden. Achte deshalb darauf, dass die Entscheidungen über deinen Trauerweg bei dir bleiben, dir nicht „übergeholfen“ werden. Denn nur das, wovon du merkst, dass es dir gut tut, wird dir auf deinem Trauerweg weiterhelfen. Alles andere ist nur „abarbeiten“ und bringt dich im Zweifelsfall nicht weiter.


Achte auf dich.

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