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  • Antje Przyborowski

Gräber sind für die Hinterbliebenen

Wenn ein Mensch gestorben ist, kommt immer wieder die Frage, wo und wie er beerdigt werden soll. Soll zum Beispiel der letzte Wille des Verstorbenen, in einem namenlosen Gemeinschaftsgrab beigesetzt zu werden, weil das die wenigste Arbeit für die Angehörigen macht, erfüllt werden? Oder sollen die Wünsche der Hinterbliebenen, die vielleicht einen ganz anderen Ort zum Trauern benötigen, im Vordergrund stehen?


Ich möchte dich dazu ermutigen, bei der Wahl des Ortes und der Art der Beerdigung auf dich und eventuelle weitere Zugehörige zu schauen. Der Verstorbene weilt nicht mehr auf dieser Welt, aber ihr seid noch da. Ich finde, dass Gräber für die Hinterbliebenen da sind. Sie bekommen damit eine Möglichkeit, dem Verstorbenen einen Ort zu geben, an dem sie ihn gern besuchen, wo sie vielleicht auch in ein Zwiegespräch mit ihm gehen können.


Also horche in dich hinein: Was wäre für dich ein guter Ort, um um deinen Liebsten zu trauern? Spielt das Grab für dich überhaupt eine Rolle oder hast du einen ganz anderen Ort, den du mit ihm verbindest? Wenn du weißt, was du benötigst, dann wünsche ich dir den Mut, diese Wünsche auch umzusetzen. Damit du gut trauern kannst.



Früher war es „einfacher“


Noch vor einigen Jahrzehnten war die Frage nach dem Grab in der Regel keine wirkliche Frage. Beerdigt wurde auf dem örtlichen Friedhof. Wenn es ein Familiengrab gab und dort noch Platz war, fand der Verstorbene dort seine letzte Ruhestätte. War das nicht der Fall, wurde im Regelfall die nächste freie Grabstelle genommen. Die Angehörigen suchten dann noch den Grabstein aus. Fertig. Für den Sterbenden und seine Hinterbliebenen war diese Prozedur von vornherein klar.


Da die Hinterbliebenen in der Regel im Ort wohnten, konnten sie die Grabpflege übernehmen. In meiner Kindheit ging ich meist einmal im Monat mit meiner Mutter zum Grab meiner Großeltern. Dann wurde dort Unkraut gezogen, verwelkte Blüten oder Blumen entfernt und gegossen. Im Herbst wurde herabfallendes Laub entfernt und das Grab mit Reisig abgedeckt. Im Frühjahr kam das Reisig auf den Kompost und es wurde neu gepflanzt.



Die Bestattungskultur hat sich verändert


Vor etwa 40 Jahren etablierten sich dann als Alternative zur persönlichen Grabstelle Reihenurnengräber oder Urnenfelder. Pro Jahr gab es zum Beispiel eine Reihe. Dicht an dicht wurden die Urnen gesetzt. Am Beginn der Jahresreihe wurde auf einigen Friedhöfen ein Stein mit der Jahreszahl gesetzt. Manchmal gab es nicht einmal das, sondern nur eine Abteilungsbezeichnung der Friedhofsverwaltung.


Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Beerdigungsmöglichkeiten. Neben Einzel- und Reihenurnengräbern finden sich zum Beispiel Baumgräber, Gemeinschaftsgräber, Waldfriedhöfe, Friedwälder und Seebestattungen. Entscheidungen über die Grabwahl müssen getroffen werden, oftmals unter Zeitdruck direkt nach dem Todesfall. Doch wonach richtet man sich dann? Nach den Wünschen des Verstorbenen? Oder doch eher nach den eigenen?



Ein Grab nach den Wünschen des Toten


Heute haben viele ältere Menschen ziemlich konkrete Vorstellungen davon, wo und wie sie einmal beerdigt werden wollen. Gerade von der Generation der Kriegskinder höre ich oft, dass das Grab einfach, unauffällig und pflegeleicht sein soll. Die Hinterbliebenen sollen damit keine Arbeit haben. Teilweise wohnen die Kinder mittlerweile weit weg, so dass niemand da wäre, der ein Grab am Heimatort pflegen könnte.


Der eine oder andere wünscht sich deshalb ein Reihenurnengrab, um dass sich niemand kümmern muss. Oder eine Bestattung auf einem Waldfriedhof, weil sie sich im Wald immer wohlgefühlt haben. Man liegt für die Ewigkeit unter einem mächtigen Baum, wird eins mit der Natur, ohne dass jemand von den Hinterbliebenen verpflichtet wäre, regelmäßig vorbeizukommen. Manch einer hätte gern eine Seebestattung, weil sie ihn an Urlaube am Meer erinnern.



Wer braucht das Grab?


Bei all diesen verständlichen Wünschen bleibt außer acht, was die Hinterbliebenen zum Trauern benötigen. Gräber sind aus meiner Sicht in erster Linie für die Zugehörigen da. Sie werden mit dem Verlust leben müssen. Wenn sie das Bedürfnis haben, jeden Tag zum Friedhof zu gehen, um dort zu trauern, dann ist es nicht hilfreich, wenn sich dieser zum Beispiel am 500 Kilometer entfernten Geburtsort des Verstorbenen befindet. Ihnen fehlt dann vor Ort ein Platz zum Trauern.


Gleiches gilt, wenn ich als Hinterbliebener das Bedürfnis habe, das Grab des Verstorbenen zu gestalten. Das ist zum Beispiel weder bei einem Reihenurnengrab noch auf einem Waldfriedhof möglich. Für manche Angehörige ist diese Erkenntnis nach der Beerdigung sehr schmerzlich, weil gerade die Grabgestaltung eine Handlungsmöglichkeit in der Trauer bietet, die ihnen so genommen wird. Sie fühlen sich dann doppelt hilflos – einmal durch den Verlust an sich und zweitens durch die restriktiven Regelungen vor Ort.



Entscheide, was für dich richtig ist


Wenn du also vor der Frage stehst, welches Grab der Verstorbene bekommen soll, dann empfehle ich dir, zunächst zu schauen, was du gern hättest. Braucht es für dich einen guten Ort auf dem Friedhof um zu trauern? Wie sähe dieser aus? Brauchst du die Möglichkeit, jederzeit Blumen abzulegen, eventuell einen Gedenkort zu gestalten oder gar etwas anzupflanzen? Benötigst du einen Platz in der Nähe deines Wohnortes oder spielt das für dich gar keine Rolle?


Nimm dir die Zeit, diese Fragen für dich zu beantworten. Schaue dann, ob deine Wünsche mit denen des Verstorbenen vereinbar sind. Vielleicht gibt es ja auch eine Möglichkeit, beides zu verbinden, wenn es dir wichtig ist, dass sein letzte Wille geachtet wird. Ich wünsche dir, dass du den Mut aufbringst, dich in erster Linie an deinen Wünschen zu orientieren. Damit du einen guten Ort zum Trauern hast, wenn du ihn benötigst.


Achte auf dich.


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