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  • Antje Przyborowski

Sieben gute Gründe, ein Erinnerungsbuch über einen geliebten Menschen zu schreiben

„Kümmere dich um all deine Erinnerungen. Denn du kannst sie nicht wieder erleben." Bob Dylan


Wenn ein geliebter Mensch stirbt, hinterlässt das oftmals eine schmerzhafte Lücke. Die Erinnerungen, die wir an ihn haben, können diese Lücke zwar nicht schließen. Sie können uns aber Trost spenden.


Mit der Zeit kann es passieren, dass du den Eindruck gewinnst, dass dir diese kostbaren Erinnerungen entgleiten. Du erinnerst dich plötzlich nicht mehr an bestimmte Ereignisse. Oder an die Augenfarbe desjenigen, den du verloren hast. Spätestens dann ist es Zeit für ein Erinnerungsbuch.


Hier findest du sieben gute Gründe, warum du ein Erinnerungsbuch über den Menschen, den du verloren hast, schreiben solltest.




1. Was du aufschreibst, bleibt dir erhalten


Deine Erinnerungen sind einmalig. Jeder – auch du - erlebt sein Leben durch seinen persönlichen Blickwinkel, seine Erfahrungen und Prägungen. Wenn zwei Menschen das gleiche Ereignis beschreiben, werden zwei unterschiedliche Berichte entstehen. Deshalb kannst auch nur du deine Erinnerungen an den Verstorbenen auf deine Art aufschreiben.


Gehen deine Erinnerungen an eure gemeinsame Zeit endgültig verloren, ist es schwer, sie wieder zurückzuholen. Du kannst das bei Menschen sehen, die an Demenz erkranken. Ihre Erinnerungen sterben mit ihnen, wenn sie nicht aufgeschrieben wurden. Selbst wenn sie sie vorher jemand anderem erzählt haben, wird derjenige sie nie so wie der Erzähler erinnern können.


Bei einer Weitererzählung fehlen die ursprünglichen Gefühle in der Erinnerung. Wenn du versuchst, dich in jemand anderen hineinzuversetzen, tust du das immer unter dem Blickwinkel deiner eigenen Erfahrungen. Es sind deine Gefühle mit diesen Erlebnissen verbunden, deine Sicht auf das Leben. Von dir aufgeschriebene Erinnerungen bleiben dir genau so erhalten. Wenn du sie niederschreibst, kannst du später beim Lesen wieder direkt darin eintauchen, sie erweitern oder ergänzen.



2. Du schaffst eine neue positive Verbindung zum Verstorbenen


Emotionale Erinnerungen, wie magische Momente oder gemeinsam bewältigte Aufgaben, verbinden uns direkt mit den Menschen, die gerade nicht bei uns sind. Wir schwelgen bei gemeinsamen Treffen darin. „Weißt du noch ...?“ „Damals, als wir ...“ Erinnerungen werden hervorgeholt, abgeglichen und ergänzt. Wir fühlen uns in die Zeit zurückversetzt. Wir spüren die Verbindung zum Gegenüber.


Wenn du einen geliebten Menschen verloren hast, wird es diese Treffen nicht mehr in dieser Form geben. Du kannst nur noch auf deinen Teil der Erinnerungen zurückgreifen. Vielleicht hast du dann das Gefühl, dass eure Verbindung verschwindet, dass dir der Verstorbene entgleitet. Womöglich war niemand außer dir und ihm dabei.


Wenn du dann deine Erinnerungen aufschreibst, kannst du eine neue positive Verbindung zum Verstorbenen schaffen. Schreiben ist ein Zwiegespräch. Du fühlst die Momente, durchlebst sie aufs Neue. Du siehst, hörst, riechst, schmeckst und fühlst all das, was du damals wahrgenommen hast. Der Verstorbene ist wieder bei dir. Ihr seid wieder gemeinsam unterwegs. Auf diese erneuerte Bindung kannst du dein weiteres Leben aufbauen.



3. Du kannst ein positives Licht auf deine Vergangenheit werfen


Gerade in schweren Momenten der Trauer sehen wir oft nur das Negative. Wir grübeln, haben den Eindruck, Fehler über Fehler in der Beziehung zum Verstorbenen gemacht zu haben. Die schlechten Erinnerungen nehmen überhand. Daran, dass du ihm zum Beispiel abgeschlagen hast, mit ihm ins Kino zu gehen, weil du keine Lust auf den Film hattest. Oder vergessen hast, für ihn etwas zu besorgen, um das er dich gebeten hatte. Oder dass du zu beschäftigt warst, um mit ihm gemeinsam in den Urlaub zu fahren.


Daneben verblassen all die schönen Erinnerungen. Und mit diesem Verblassen bekommst du vielleicht den Eindruck, dass dein bisheriges Leben voller Fehler und Versagen war. Du schreibst deine Vergangenheit, die Höhen und Tiefen umfasst, gedanklich um. Es bleiben nur noch die Tiefen.


Wenn du dagegen eure gemeinsamen Erlebnisse aufschreibst, sie nochmals neu durchlebst, kannst du feststellen, wie sehr der Verstorbene dein Leben bereichert hat. Du kannst erkennen, dass ein Teil deines bisherigen Lebens untrennbar mit ihm verbunden ist. All die schönen Momente, die ihr miteinander verbracht habt, sind auch deine Vergangenheit, dein Leben. Es wäre schade, diese Momente wegzuwerfen. Denn damit verlierst du auch einen Teil deines Lebens.



4. Du kannst gemeinsame Erlebnisse neu betrachten


Vielleicht hast du das auch schon einmal erlebt. Du erinnerst dich zusammen mit einem Freund an ein gemeinsames Erlebnis. Während der andere erzählt, merkst du plötzlich, dass du bestimmte Dinge damals ganz anders wahrgenommen hast. Positiver oder negativer. Ihr tauscht euch darüber aus. Du hast die Möglichkeit, das Erlebnis anders zu betrachten und für dich selbst eventuell neu zu bewerten.


Diese Neubetrachtung ist auch im Erinnerungsbuch möglich. Wenn du schreibst, ist deine innere Stimme bei dir. Während du die Erlebnisse niederlegst, hörst du dir – ob du es willst oder nicht – zu. Gleichzeitig siehst du die Worte vor dir. Durch diese zweifache Betrachtung kommst du gleichzeitig in eine Beobachterrolle. Du bekommst die Möglichkeit, die Ereignisse zu reflektieren.


Vielleicht fallen dir dann Details ein, die du bisher nicht wahrgenommen hattest. Kleinigkeiten, die vorher nicht in deinem Blickfeld waren. Oder du merkst: Moment mal, das, was mich damals so aufgeregt hat, war gar nicht so schlimm. Der Verstorbene hatte diesen oder jenen Grund dafür, genau so zu reagieren. Vielleicht erscheinen dir die Dinge in einem neuen Licht. Womöglich erscheint ein unerwartetes Lächeln auf deinen Lippen und du kannst das Erlebnis zu den positiven Erinnerungen legen.



5. Du kannst deine Gefühle für den Verstorbenen wahrnehmen


Wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt, sind wir oftmals wie betäubt. Wir nehmen nichts mehr wahr, erstarren. Wir funktionieren nur noch. Wenn dann doch Gefühle hochkommen, ist da in erster Linie Schmerz. Nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Alles ist nur noch mit Schmerz verbunden, der einfach nicht verschwinden will. Der Tod hat uns im wahrsten Sinne des Wortes eine große, klaffende Wunde geschlagen.


Das Pflaster auf dieser Wunde können die aufgeschrieben Erinnerungen an den geliebten Menschen sein. Indem du aufschreibst, was ihr erlebt habt, kannst du dich den anderen Gefühlen – Freude, Glück, Liebe, Begeisterung – langsam wieder nähern. Die schönen Erlebnisse können dazu führen, dass diese positiven Gefühle neben den Schmerz treten.


Das Aufschreiben deiner Erinnerungen wird dir deine Trauer vielleicht nicht komplett nehmen können. Es ist aber ein Trost, denn dein Schmerz ist ja auch deshalb so groß, weil du diesen Menschen so geliebt hast. Mit der Erinnerung an deine schönen Gefühle für ihn erhältst du sie dir auch für die Zukunft.



6. Du kannst ins Tun kommen


Nach dem Tod eines lieben Menschen sind zunächst viele Dinge zu erledigen. Die Organisation der Beerdigung, diverse bürokratische Aufgaben oder die weitere Versorgung deiner Familie beschäftigen dich. Du funktionierst erst einmal weiter, manchmal wie ein Roboter. Doch danach kommt oftmals eine Zeit, in der gar nichts mehr geht. Alles fällt dir schwer. Du verlierst vielleicht deinen Antrieb, fragst dich, warum du all die Dinge, die du immer getan hast, weiterhin tun sollst. Womöglich erscheint dir alles sinnlos.


Dann ist das Schreiben eines Erinnerungsbuches eine gute Option, wieder ins Tun zu kommen. Vielleicht schreibst du am ersten Tag nur den Namen des Verstorbenen hinein, weil du für mehr keine Kraft hast. Das ist völlig in Ordnung. Der nächste Tag bringt dann vielleicht das Geburts- und Sterbedatum hinzu. Oder einfach nur den Satz „Du fehlst.“


Schritt für Schritt kannst du beginnen, wieder handlungsfähig zu werden. Dich aus der Erstarrung herauszuschreiben. Mit den Dingen, die dich an den Verstorbenen erinnern. Du musst nicht mal selbst kreativ werden. Es gibt es zahlreiche Angebote vorgedruckter Erinnerungsbücher, die dich an die Hand nehmen. Auch für Kinder, Jugendliche und Familien gibt es zu diesem Zweck spezielle Bücher.



7. Du kannst herausfinden, wie dich der Verstorbene geprägt hat


Auch wenn wir es nicht immer gleich sehen: Nahestehende Menschen prägen uns. Vielleicht dadurch, dass sie uns zu einem schönen Konzert einladen, zu dem wir sonst nie gegangen wären. Oder durch eine Buchempfehlung, die unseren Blick auf etwas Neues richtet. Auch ein gemeinsames Hobby kann dazu zählen.


Die Bereiche, in denen sich diese Prägung bei dir zeigt, können vielfältig sein: deine Eigenheiten, kleine Gesten, deine Art des Redens oder Schreibens, deine Arbeit und deine Freizeitgestaltung. Die Prägung kann aber auch noch viel tiefer gehen. Gerade wenn der geliebte Mensch, den wir verloren haben, ein Elternteil ist, ist er tief in unsere Persönlichkeit eingedrungen. Wir kennen ihn von klein auf, haben mit ihm unsere ersten Schritte in die Welt unternommen, seine Vorlieben und Abneigungen vielleicht unbewusst übernommen. Unsere Werte und Überzeugungen wurden maßgeblich von ihm beeinflusst.


In dem du diese Prägungen in dein Erinnerungsbuch schreibst, kannst du erkennen, wo der Verstorbene noch immer in dir ist. Auch mit seinem Tod bleiben dir diese Anteile erhalten. Sie verschwinden nicht einfach. Du kannst sie, wenn du sie erkannt hast, bekräftigen und verstärken. Oder anpassen und verändern, wenn du merkst, dass sie nicht mehr zu dir passen. Spüre ihnen nach, sie sind ein Teil von dir.



Vielleicht haben diese sieben Gründe jetzt in dir den Wunsch geweckt, selbst ein Erinnerungsbuch zu gestalten. Wie du das tust, bleibt – wie immer beim Schreiben – dir überlassen. Fließtext, Gedichte, Stichpunkte, Fotos, gezeichnete Bilder, Collagen – alles kann darin seinen Platz finden.


Ich wünsche dir eine schöne Zeit mit der Bewahrung deiner Erinnerungen.


Achte auf dich.



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