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  • Antje Przyborowski

Trauerbewältigung durch Schreiben einer Biografie

Ein Mensch, der für dich und dein Leben wichtig war, ist von dir gegangen. Von heute auf morgen ist er nicht mehr da. Vielleicht konntest du dich nicht einmal richtig verabschieden. Vielleicht war er auch lange Zeit krank. Egal, wie er gegangen ist, steht oft die Frage im Raum: Was bleibt von ihm? Jetzt, wo das Körperliche vergangen ist? Alles, was du mit ihm verbunden hast, scheint sich aufzulösen. Als hätte es ihn nie gegeben. Stattdessen ist da Leere. Die Leere, die früher der Verstorbene gefüllt hat. Der Stuhl, auf dem er saß. Das Bett, in dem er geschlafen hat. Das Haus, in dem er wohnte.


Von Johann Wolfgang von Goethe stammen die Worte „Jedes Leben lohnt sich, erzählt zu werden“. Egal, ob derjenige, um den du trauerst, kurz oder lang gelebt hat. Jedes Leben hat eine Geschichte, die, wenn sie nicht erzählt wird, verloren geht. Es wäre schade darum. Das Schreiben einer Biografie über den Verstorbenen bietet dir die Möglichkeit, seinem Leben, seinen Beweggründen, seiner Seele auf den Grund zu gehen.


Oftmals kenne wir nur einen Teil eines Menschen. Vieles bleibt im Verborgenen, so dass wir ihn nicht immer verstehen können. Jeder hat seine dunklen Seiten, seine Geheimnisse oder unerzählten biografischen Episoden. Mit einer Biografie bekommst du die Chance, die fehlenden Puzzleteile zu ergänzen. Du erhältst die Gelegenheit, Dinge in einem anderen Licht zu sehen und vielleicht Frieden mit dem zu schließen, was zwischen euch war.




Jedes Leben ist eine Erzählung wert


Jedes Leben ist so einzigartig, so unwiederholbar, dass es verdient, erzählt und seine Geschichte bewahrt zu werden. Doch meist ist es so, dass mit jedem Menschen, der verstirbt, auch seine Erinnerungen an sein Leben sowie an diejenigen verloren geht, die nur er noch gekannt hat. Mit jedem Menschen stirbt also immer ein bisschen Geschichte. Das ist schade.


Oftmals haben wir den Eindruck, dass unser Leben und das der uns nahestehenden Menschen nicht erzählenswert ist. Gegenüber erfolgreichen und berühmten Persönlichkeiten verblassen scheinbar unsere Geschichten. Wir sind nicht auf irgendwelchen Staatsempfängen, leiten nicht die Geschicke von großen Unternehmen oder haben nicht Millionen Follower. Unsere Geschichte erzählt von Alltag, vielleicht auch von Mühsal. Vielleicht empfinden wir sie auch als langweilig. Doch ist solch ein Leben deswegen weniger interessant? Jedes Leben hat nicht nur den Alltag, sondern auch die besonderen Momente. Die, die vielleicht alles verändern, was bisher war. Höhen und Tiefen.


Auch der Mensch, um den du trauerst, weist eine besondere Geschichte auf. Sie hat ihn zu dem gemacht, der er war. In einer Biografie kannst du der Frage nachgehen, wie er sich zu dem Menschen entwickelte, den du kanntest. Dabei spielt es keine Rolle, ob er dir eine Stütze oder eine Last war. Seine Erlebnisse und Erfahrungen formten ihn.



Komm dem Verstorbenen näher


Der Mensch, der von dir gegangen ist, war – wie jeder Mensch – einer mit guten und nicht so guten, vielleicht sogar schlechten Seiten. Sich ihm zu nähern kann schmerzhaft sein, aber auch heilsam.


Um seinem Leben auf die Spur zu kommen, bietet es sich an, Briefe, Tagebücher, persönliche Dokumente, Schulzeugnisse, Fotoalben, Bilder und ähnliches aus dem Nachlass zu sichten. Es ist erstaunlich, wie viel sich gerade im Verlauf eines langen Lebens ansammeln kann. Diese Dokumente erzählen oft mehr über den Verstorbenen als er selbst. Gerade wenn der Verstorbene ein Kriegs- oder Nachkriegskind war, wurde viel über diese schlimme Zeit geschwiegen. Ganze Zeitabschnitte waren tabu. Durch diese Tabus fehlt aber ein Teil des Puzzles. Alte Unterlagen können dir hier weiterhelfen, das Bild komplett zu bekommen.


Eine weitere Möglichkeit der Informationsfindung ist, mit Wegbegleitern zu sprechen. Wie haben sie den Verstorbenen erlebt? Woran erinnern sie sich? Du wirst erstaunt sein, welch anderes Bild andere Menschen von der oder dem Verstorbenen zeichnen. Dann hörst du vielleicht den Satz: „Das war eine ganz liebe Frau“, obwohl du diese Person regelmäßig ganz anders erlebt hast. Das gibt dir die Möglichkeit, auch eine andere, dir bislang vielleicht unbekannte Seite an diesem Menschen wahrzunehmen.



Die schönen Seiten seines Lebens noch einmal entdecken


Obwohl ein Mensch uns nahegestanden hat, wissen wir oftmals nicht, was die schönen Erlebnisse in seinem Leben waren. Indem wir uns die Zeit nehmen, sein Leben nochmals zu sichten, vielleicht auch die entsprechenden Schauplätze zu besuchen, können wir uns ihm nähern.


Wie war das, als der- oder diejenige jung und verliebt war? Wie sah die Welt damals aus? Was waren ihre Träume? Woran hat sich der Verstorbene erfreut? Wann war er glücklich? Vielleicht erinnerst du dich, dass er immer gern auf der Bank unter einem Apfelbaum saß. Was das womöglich sein Ruhe- oder Kraftpunkt?


Schau dir Fotoalben vom Verstorbenen an. Auf welchen Bildern wirkt er glücklich und zufrieden? Was war da passiert? Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Geburten – all diese Erlebnisse prägen Menschen und bringen oftmals Glück zu ihnen. Welche Höhepunkte gab es in seinem Leben? Wann hast du oder haben andere ihn glücklich und zufrieden erlebt? Begib dich auf die Reise und sei neugierig, was du entdeckst.



Äußere Ereignisse und Einflüsse erkennen und würdigen


Wie wir alle lebte auch der Verstorbene nicht im luftleeren Raum. Viele äußere Ereignisse und Einflüsse wirkten auf ihn ein und formten ihn. Gerade wenn Menschen Hunger, Not und Elend erlebt haben, bleibt das nicht ohne Auswirkung auf ihren weiteren Lebensweg. Vielleicht hast du erlebt, dass der Mensch, um den du trauerst, immer sehr schnell und hastig gegessen hat. Womöglich lag es daran, dass es in Kriegs- und Nachkriegszeiten zu Hause nicht genug zu essen gab für alle Kinder. Nur wer schnell aß, konnte das meiste bekommen. Auch wenn sich später die Zeiten besserten, blieb oft die Angst, dass es nicht reicht.


Gerade Krieg und Vertreibung haben bei vielen Eltern und Großeltern bleibende Spuren hinterlassen. Aber auch die Nachkriegszeit war nicht immer leicht. Gerade Menschen, die in der DDR lebten, kamen von einer Diktatur in die andere. Es gab auch viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg nicht genügend Wohnraum für junge Menschen. Für bestimmte Ballungsgebiete gab es Zuzugsbeschränkungen. Sich hier ein eigenes Leben aufzubauen, war nicht einfach.


Das Schreiben einer Biografie gibt dir Möglichkeit, all diese Ereignisse nachzuvollziehen. Du kannst würdigen, was der Verstorbene unter den gegebenen Umständen geleistet hat. Ein indianisches Sprichwort sagt: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“. Versuche, in „den Schuhen“ des Verstorbenen unterwegs zu sein, seine Perspektive einzunehmen, wenn du schreibst. Wie fühlt es sich an? Vielleicht kannst du erkennen, warum er so handelte, wie er es tat.



Frieden schließen mit dem, was war


Wir sind oftmals schnell im Verurteilen von Handlungen anderer Menschen. Wir glauben, weil es unserem moralischen Kompass widerspricht und wir nicht so gehandelt hätten, haben wir das Recht, andere zu verurteilen. Manche von uns tragen insbesondere ihren Eltern und Großeltern, Expartnern oder ehemaligen Freunden Jahre und Jahrzehnte zurückliegende Kränkungen und Verletzungen nach. Dieses Nachtragen belastet aber nicht nur die Beziehung zu diesen Menschen, sondern auch uns selbst. Es bindet uns an die Vergangenheit, lässt uns damit keinen Raum für neue Erfahrungen.


Wenn du für dich erkannt hast, warum der Verstorbene so handelte, wie er es tat, hast du auch die Möglichkeit, mit dem, was war, Frieden zu schließen. Für den Verstorbenen und für dich. Das bedeutet nicht, dass du alles, was zwischen euch geschehen ist, gut heißen musst. Du musst auch nichts verzeihen, wenn es dir nach wie vor nicht möglich ist.


Die Welt durch die Erfahrungen des Verstorbenen zu sehen, kann dir helfen, dein eigenes Leben ein Stück weit leichter zu gestalten. Gerade, wenn du den Eindruck hast, du hättest etwas an seinem Schicksal ändern können, wenn du dich nur genug bemüht hättest, kann dieser Blick durch die Brille des anderen entlastend sein. Jeder Mensch ist in erster Linie für sich verantwortlich und trifft seine Entscheidungen selbst.



„Alles, was wir nicht erinnern“


Ein schönes Beispiel für eine solche Trauerbewältigung ist das Buch von Christiane Hoffmann „Alles, was wir nicht erinnern“. Die Autorin erzählt darin von der Flucht ihres Vaters als Neunjährigem am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Niederschlesien. 75 Jahre später läuft sie nach dem Tod des Vaters zu Fuß diese Fluchtroute nach. Es ist ihr Versuch, ihrem Vater nochmals näher zu kommen. In ihrer Familie wurde über die Ereignisse dieser Zeit nur sparsam berichtet. Sie spürte immer, dass etwas Wichtiges und Trauriges dahinterstand und wollte sich nach dem Tod ihres Vaters damit auseinandersetzen. Sie recherchierte die Fluchtroute, bevor sie sich selbst auf den Weg machte.


Auf dem Weg wurde sie sich der unverarbeiteten Ängste aus der Flucht bewusst, die ihre Eltern unbewusst an sie weitergegeben hatten. Die Wanderung war damit auch eine Wanderung hinter ihrer eigenen Geschichte her. In einem Interview (Freie Presse vom 25. Juni 2022) erinnert sie sich daran, dass „Heimat“ für ihre Familie immer ein anderer Ort als der, in dem sie nach dem 2. Weltkrieg lebten. Nachdem die Autorin den Fluchtweg ihres Vaters nachgelaufen hat, konnte sie etwas über diese Flucht auf einer körperlichen und auch intuitiven Ebene verstehen.


Auch wenn dieses Buch nicht die vollumfängliche Biografie ihres Vaters beinhaltet, so hat die Autorin darin zumindest den für das Leben ihres Vaters prägendsten Teil recherchiert und nachempfunden. Sie konnte Teile ihrer eigenen Geschichte verstehen, auch warum es sie später in ihrem beruflichen Leben immer nach „Osten“ zog.



Hast du schon einmal versucht, über einen lieben Menschen eine Biografie zu schreiben? Wie ist es dir damit ergangen?


Achte auf dich.

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