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  • AutorenbildAntje Przyborowski

Aus Scherben kann etwas Neues entstehen

Schicksalsschläge wie der Tod eines geliebten Menschens können dich innerlich in tausend Teile zerbrechen lassen. Nichts an dir erscheint mehr heil, deine Seele ist wie zersplittert. Die Trümmer, die du in den Händen hältst, scheinen endlos zu sein. Wie bei einer Porzellanschale, die auf kalten Fließen zersprungen ist. Wie soll sich das je wieder zusammenfügen?


In Japan gibt es eine traditionelle Reparaturmethode für Keramik: Kintsugi. Zerbrochene Gefäße werden mit Lack geklebt. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Scherben werden mit Goldstaub verziert. Die Bruchstellen bleiben damit nicht nur sichtbar, sondern werden besonders hervorgehoben. Damit entsteht etwas Neues, Einmaliges. Kein Gefäß gleicht dem anderen.


Genauso kannst du die Scherben deines Lebens nach einem schweren Verlust wieder aufsammeln und zusammenkleben. Lass dir Zeit dafür, es eilt nicht. Betrachte sie genau, schaue, wo sie hingehören. So kannst du dein Leben nach und nach wieder zusammensetzen. Deine Narben brauchst du nicht zu verstecken – im Gegenteil. Sie sind ein Teil von dir. Du darfst sie hervorheben und vergolden.




Scherben müssen nicht das Ende sein


Wenn dein Leben – egal aus welchen Gründen - in Trümmern liegt, scheint oft alles hoffnungslos und vergebens. Wie Überlebende eines Erdbebens irren wir scheinbar ziellos umher. Wir suchen Halt in einer Welt, die aus den Fugen geraden ist. Vielleicht versuchen wir, in den Trümmern etwas zu finden, an das wir uns klammern können: einen bekannten Menschen, ein Fotoalbum, eine Decke. Wir sind im Überlebensmodus.


Schnell schleicht sich das Gefühl ein, dass nichts je wieder besser werden kann. Wer soll all den Schutt wegräumen? Wie soll hier noch etwas zu finden sein, das Zuversicht bietet? Wenn zum Beispiel ein geliebter Mensch tot ist, wird nichts ihn wieder lebendig machen. Euer gemeinsames Leben existiert jetzt nicht mehr. Wie sollst du da nach vorn schauen können?


Doch dieser Trümmerberg muss nicht das Ende sein. Du musst nicht für immer darin verharren und die Steine so liegen lassen. So wie oft nach einem Erdbeben ein Ort wieder aufgebaut wird, so kannst auch du die Scherben deines Lebens nehmen und wieder zusammenfügen. Natürlich wird es nie wieder so sein, als hätte es deinen Verlust nicht gegeben. Genauso wenig, wie du nach einem Einsturz das selbe Haus wieder herstellen kannst, als wäre nichts gewesen.



Zurück in die Handlungsfähigkeit


Auch wenn dich die Vielzahl der Bruchstücke und damit die Aufgabe schier zu überwältigen scheint, ist es doch besser anzufangen, als in der Starre zu verharren. Du musst diese Aufgabe auch nicht allein bewältigen, sondern kannst dir Unterstützung dafür holen. Aber zusammenfügen kannst sie nur du. Niemand anderes kann das für dich tun, denn es ist dein Leben. Sonst wird sich das Zusammengefügte immer falsch für dich anfühlen.


Vielleicht schaust du zuerst nach den großen Scherben. Sie sind oft am einfachsten zu finden und zuzuordnen, wohin sie gehören. Doch auch die kleinen Scherben gehören zu dir. Lass dir Zeit beim Aufsammeln. Es eilt nichts. Gerade nach einem schweren Verlust ist Zeit relativ. Ob du Wochen, Monate oder Jahre dafür brauchst, spielt keine Rolle. Dein Tempo bestimmst du selbst, niemand anderes.


Bevor du die Scherben wieder zusammenfügst, solltest du sie säubern. Was findet sich an Dreck in Form von Wut, Hass, Verzweiflung, Tränen, Groll oder ähnlichem darauf? Überlege, ob du diesen Dreck jetzt noch brauchst und wenn ja, wofür. Wenn nicht, dann schau, ob du ihn wegwischen kannst. Bleibt er, hast du dafür bestimmt einen guten Grund, auch wenn du ihn nicht auf den ersten Blick erkennen kannst. Vielleicht ist es ja auch kein Dreck, sondern nur eine neue Gestaltung.



Etwas Neues, anderes entstehen lassen


Wenn du alle Scherben beisammen hast, kannst du damit beginnen, sie zu betrachten und einen Platz für sie zu finden. Wo gehören sie hin in deinem jetzigen Leben? Was fügt sich zusammen und was nicht? Wenn etwas nicht passt, dann passt es nicht. Es geht hier nicht darum, dich wieder zu „reparieren“, damit du wieder funktionierst wie vorher, sondern dass du schaust, wer du bist, was dich ausmacht, nachdem dein Leben so schwer erschüttert wurde.


Wie du eine Schale wieder zusammensetzt, so kannst du auch dein Leben und dich wieder zusammensetzen. Was ist noch da von dem, was dich ausgemacht hat? Worauf kannst du zurückgreifen? Das können Dinge im Innen oder auch im Außen sein. Vielleicht sind es Freunde und Familie. Oder dein Mut, auch in schwierigen Zeiten immer wieder neu anzufangen. Vielleicht gibt dir deine Arbeit oder ein Hobby Halt. Oder dein Garten, der jedes Frühjahr wieder neu erwacht.


Vielleicht passen auch einige Bruchstücke gar nicht mehr zu dir, so wie du jetzt bist. Dann ist es jetzt an der Zeit, sie zu würdigen. Wo haben sie dir in deinem bisherigen Leben geholfen? Vielleicht magst du sie aufheben als Erinnerung an das, was einmal war. Vielleicht kannst du sie aber auch jetzt getrost weglegen. Die Entscheidung darüber liegt bei dir. Lass dir deshalb genügend Zeit für das Zusammensetzen, damit das, was jetzt entsteht, für dich stimmig ist.



Du musst deine Narben nicht verstecken


Zu dir und deinem neuen Leben gehören natürlich auch die Narben, die durch dein Zerbrechen entstanden sind. Du brauchst sie nicht zu verstecken. Oft sind wir bemüht, nach außen unsere Verletzungen nicht zu zeigen. Wir drücken unseren Schmerz weg, lächeln und tun so, als wäre alles in Ordnung, obwohl nichts in Ordnung ist. Was dabei bleibt, ist das Gefühl, unverstanden und allein zu sein.


Deshalb möchte ich dich einladen, dir deiner Narben nicht nur bewusst zu werden, sondern sie auch zu verzieren. Du bist noch da trotz deiner Narben, sie sind ein Teil von dir. Ohne sie wärest du ein anderer Mensch, einer, der diesen Verlust nicht erlebt hat. In der Kintsugi-Technik wird dafür Goldstaub verwendet. Ich halte das für ein gutes Sinnbild für die Behandlung deiner Narben.


Statt sie zu verstecken, leuchten sie hervor. Sie zeigen deine Kraft und dein Leben. Du bist wertvoll, trotz und gerade wegen dem, was du erlebt hast. Vielleicht kannst du jetzt anderen Menschen beistehen, die ähnliches erlebt haben. Vielleicht führt dich dein Weg auch wo ganz anders hin. Indem du dich wieder zusammensetzt und deine Narben verschönerst, schaffst du etwas ganz Neues: Dich, so wie du jetzt bist.


Achte auf dich.

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