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  • Antje Przyborowski

Du bist besser, als du (gerade) glaubst

„Nicht mal das bekomme ich hin!“ Kennst du diesen Ausspruch von dir? Wenn gerade gar nichts klappt? Alles schiefgeht? Du total am Boden bist? Es gibt diese Momente in der Trauer, aber auch in anderen schwierigen Situationen unseres Lebens. Du hast den Eindruck, dass gar nichts mehr geht. Egal, was du tust, es erscheint dir sinnlos.


So pauschal dieser Satz ist, so falsch ist er auch. Denn er impliziert, dass du überhaupt nichts hinbekommst. Was so nicht stimmt. Immerhin bist du gerade in der Lage, diesen Satz zu sagen. Das ist schon mal mehr als nichts. Richtig ist eher, dass dir das, was du in diesem Moment versuchst, nicht gelingt. Und manchmal sind diese Situationen schlicht zum Verzweifeln. Gerade, wenn dir durch einen schweren Verlust die Energie für all die Dinge fehlt, die dir früher Freude bereiteten oder mühelos funktionierten.


Doch genauso gibt es jetzt gerade Dinge, die du schaffst. Vielleicht gelingt es dir trotz deiner Trauer, morgens aufzustehen. Oder du bist in der Lage, zur Arbeit zu gehen. Oder dir jeden Tag etwas zu Essen zu machen. Gerade Routinetätigkeiten bekommen wir auch in schlechten Zeiten gut hin, weil wir über sie nicht nachdenken müssen. Sie laufen automatisch ab. Mit ihnen kannst du anfangen, auch wenn es gefühlt nur Kleinigkeiten sind. Suche sie dir. Sie können dir wieder Kraft geben. Denn du bist besser, als du (gerade) glaubst.




Pauschalurteile ziehen dich runter


Wer kennt sie nicht: die Pauschalurteile. Dicke Menschen sind faul. Alte Leute sind langsam, schwerhörig und lieben Volksmusik. Jugendliche sind laut und unhöflich. Doch wir treffen diese Urteile nicht nur über andere, sondern vor allem über uns selbst: „Nie bekomme ich was hin!“ „Immer fällt mir etwas runter!“ „Immer muss das mir passieren!“ oder eben „Nicht mal das bekomme ich hin!“


Wenn du genau in dich hineinspürst, wirst du feststellen, dass trotz der Wut, mit der du diese Worte vielleicht herausschleuderst, sie dich in deinem Innersten hinunterziehen in ein tiefes Loch. Aus ihm gibt es scheinbar kein Entrinnen. Du schlägst dich quasi selbst. Mit deinen eigenen Worten. Du wertest dich ab. Du sprichst dir jede Selbstwirksamkeit ab. Denn egal, was du tust, es funktioniert ja offensichtlich nicht.


Gerade wenn du seelisch angeschlagen bist, kannst du in diese Abwärtsspirale rutschen. Wenn dir zum Beispiel die Trauer die Lebensfreude nimmt. Oder dein Partner dich verlassen hat. Wenn du deinen Job verloren hast. All diese Momente zerren an deinem Selbstwertgefühl und deiner Selbstwirksamkeit. Du bist verunsichert und musst erst einmal mit dieser neuen Situation zu Rande kommen. Mit den Pauschalurteilen über dich selbst versetzt du dir dann den nächsten Schlag.



Sie kommen aus deiner Kindheit


Doch woher kommen diese Sätze? Oftmals sind sie ein Überbleibsel von Erlebnissen aus deiner Kindheit. Vielleicht von deinen Eltern, die zu dir meinten: „Lass mal, ich mach das. Das kriegst du sowieso nicht hin.“ Oder von einer Erzieherin mit der Aussage: „Ach der Thomas. Dem fällt immer alles runter.“ Oder von einem Lehrer, der lieblos sagte: „Schon wieder eine Vier. Aber etwas anderes hatte ich gar nicht erwartet.“


All diese Sätze, vor allem wenn sie regelmäßig wiederholt und von liebevollen Erwachsenen nicht richtiggestellt wurden, sind dazu geeignet, dir später das Leben schwer zu machen. Eben dann, wenn es dir nicht gut geht. In guten Zeiten stehst du da vielleicht drüber. Dann ist dir bewusst, dass diese Aussagen in ihrer Pauschalität so nicht stimmten. Dass du sogar ganz viel hinbekommen hast. Oder dir nicht alles heruntergefallen ist, sonst hätte es ja ständig gescheppert. Oder dass du in anderen Fächern richtig gut warst.


Doch wenn es dir schlecht geht, kommen die alten falschen Glaubenssätze wieder hoch. Dann bekommt der innere Kritiker, den du sonst so gut in Schach halten konntest, Oberwasser. Wie ein kleines Teufelchen sitzt er auf deiner Schulter und holt all die alten Pauschalurteile wieder hoch. Und weil du so angeschlagen bist, hast du ihm nichts entgegenzusetzen. Du bekommst eher den Eindruck, dass er Recht hat. Dass du dir die ganze Zeit etwas vorgemacht hast.



Pauschalurteile sind pauschal falsch


Doch das stimmt so nicht. Pauschalurteile sind pauschal falsch. So wie es flotte Dicke und sportliche Alte gibt, so sind auch dir in deinem bisherigen Leben Dinge gut gelungen. Sonst wärst du heute nicht hier. Du hast vielleicht einen Schulabschluss gemacht und einen Beruf erlernt. Oder dir selbst das Kochen und Backen beigebracht. Vielleicht du bist in der Lage, einen Schrank zu bauen. Oder einen Garten zu gestalten.


Stets, wenn dir Sätze mit „immer“, „nie“ oder ähnlichen verallgemeinernden Wörtern begegnen, solltest du vorsichtig sein. Denn sie stimmen wahrscheinlich nicht. So wie es nicht „immer“ regnet oder „nie“ die Sonne scheint, so ist auch dein Leben eine Mischung aus guten und schlechten Tagen, Erfolgen und Niederlagen.


Sei dir bewusst, dass dir im Moment gerade etwas Bestimmtes nicht gelingt. Dieser Moment ist aber nicht dein ganzes Leben. Er ist nur ein Ausschnitt. Vielleicht fehlt dir gerade jetzt die Kraft, um es besser zu machen. Vielleicht bist du auch in diesem Moment mit deinen Gedanken ganz woanders. Es gibt auf jeden Fall einen guten Grund, warum es jetzt gerade nicht geht. Aber vielleicht geht es ja morgen. Oder übermorgen.



Entlarve die Lüge in deinem Satz


Wenn dir also so ein Satz rausrutscht, dann schau ihn dir am besten mal genau an. Frage dich, ob er stimmen kann. Wenn dein Satz also lautet: „Nicht einmal das bekomme ich hin!“, dann nimm ihn einfach auseinander. Denn er impliziert, dass du gar nichts hinbekommst. Weder Atmen, noch Essen oder Trinken, geschweige denn Aufstehen, Gehen oder Schlafen. Er kann also nicht stimmen.


Du könntest jetzt schauen, was du alles trotzdem kannst. Zum Beispiel Atmen, Essen, Trinken, Aufstehen, Gehen oder Schlafen. Doch vermutlich noch vieles mehr. Du kannst auch schauen, was du heute schon alles hinbekommen hast. Vielleicht warst du mit dem Hund eine Runde draußen. Oder hast Essen gekocht. Vielleicht warst du – trotz dass du emotional angeschlagen warst – Arbeiten. Oder hast es geschafft, den Müll rauszubringen. Meist findest du mehr, als du glaubst.


Du denkst, das ist ja gar nichts (schon wieder so eine Pauschalaussage). Doch, es ist eine ganze Menge. Denn jeder Schritt, den du bewusst gehst, bringt dich wieder aus deinem Tief heraus. Auch wenn es zunächst nur ein klitzekleines Bisschen ist. Jeder dieser Schritte zeigt dir, dass du etwas bewirken kannst. Dass dir ein Verlust vielleicht den Boden unter den Füßen weggezogen hat, aber du trotzdem etwas bewirken kannst. Wenn du das jeden Tag tust, vielleicht auch noch mehrmals, wirst du feststellen, dass du besser bist, als du glaubst. Vertraue auf dich. Du schaffst das.


Achte auf dich.

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