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  • Antje Przyborowski

Schenk dir Freundlichkeit

Freundlichkeit hat für viele Menschen einen hohen Stellenwert: Freundlichkeit gegenüber unseren Nachbarn, unseren Kollegen, unseren Verwandten, unseren Freunden oder allgemein allen Mitmenschen. Doch wie sieht es aus mit der Freundlichkeit uns selbst gegenüber? Die vergessen wir oft. Und gerade dann, wenn wir trauern, es uns schlecht geht, steht Freundlichkeit uns selbst gegenüber meist an allerletzter Stelle.


Doch du leidest schon genug an deinem Verlust. Deshalb möchte ich dich heute einladen, wieder freundlich zu dir zu sein. Dir selbst etwas Nettes sagen. Dir selbst eine Freude machen, zum Beispiel in dem du dir einen Strauß Blumen kaufst und auf deinen Tisch stellst. Oder dir Zeit für dich und einen schönen Spaziergang zu nehmen.


Du meinst, du hast diese Freundlichkeit nicht verdient, weil du große Schuld auf dich geladen hast? Weil du das Unglück, was zu deiner Trauer führtest, nicht verhindert hast? Oder weil du unachtsam warst oder früher mal einen Fehler gemacht hast? Freundlichkeit ist nichts, was du dir verdienen musst. Du kannst sie dir einfach schenken. Ich wünsche dir den Mut dafür.




Freundlichkeit gegenüber anderen


Schon als Kinder lernen wir, dass wir freundlich zu all unseren Mitmenschen sein sollen. Zu dem cholerischen Nachbarn genauso wie zu unseren Eltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten, Lehrern und vielen mehr. Erst recht zu fremden Mitmenschen, denn sie könnten uns ja kennen oder wir könnten sie später noch einmal treffen und dann brauchen. Also bist du vielleicht auch zu Leuten freundlich, die du gar nicht leiden kannst. Weil du es so gelernt und verinnerlicht hast.


Was in unserer Erziehung allerdings nur äußerst selten vorkommt, ist uns selbst gegenüber freundlich zu sein. Die wenigsten Eltern, Erzieher oder Lehrer legen ihren Fokus darauf. Stattdessen werden wir oft zu unserem größten Kritiker: Du hast die Nachbarin nicht gegrüßt. Du warst patzig gegenüber deiner Schwester u. ä.. Interessanterweise sprechen viele Menschen mit sich selbst in der Du-Form, wenn sie sich kritisieren.


Ich lade dich ein, das einmal zu beobachten. Wem gegenüber bist du freundlich, obwohl es dir schlecht geht? Wem sagst du, dass es dir gut geht, obwohl du heulen könntest? Vielleicht hast du gute Gründe dafür. Vielleicht möchtest du nicht jedem erzählen, wie schwer dich dein Verlust getroffen hast. Vielleicht hast du auch den Eindruck, dass andere dich sowieso nicht verstehen. Vielleicht tust du es aber auch nur, weil es schon immer so war.



Du darfst zu dir freundlich sein


Auf der anderen Seite kannst du schauen, in welchen Situationen du zu dir selbst freundlich bist. Du findest viele Momente dazu? Das ist schön, dann gratuliere ich dir. Denn meist ist eher das Gegenteil der Fall. Bereits ohne einen schweren Trauerfall gönnen wir uns oft nichts. Weil wir es nicht verdient haben. Weil „man“ sich nicht an die erste Stelle setzt (was sollen denn die anderen denken?). Weil wir uns nicht genug angestrengt haben. Weil es gerade nicht passt oder zu viel zu tun ist.


Doch gerade wenn wir trauern, ist das, was wir am meisten brauchen, Zuwendung und Freundlichkeit. Vielmals kannst du diese Zuwendung und Freundlichkeit nicht von außen erhalten, weil Freunde, Verwandte oder Bekannte mit deiner Trauer überfordert sind. Sie können dir nicht immer geben, was du jetzt gerade brauchst.


Aber du selbst kannst es. Auch und gerade jetzt in deiner Trauer. Du darfst dir etwas Nettes sagen. Du darfst dir etwas Schönes schenken. Du darfst dich in eine Kuscheldecke einwickeln und warmhalten. Du darfst dich in den Arm nehmen. Du darfst dich fragen, was du jetzt gerade brauchst. Du darfst dir einfach alles das tun, was dir im Moment von anderen fehlt. Du darfst dich an die erste Stelle setzen.



Freundlichkeit und Schuld


Dein innerer Kritiker schreit bei dieser Vorstellung auf? Weil niemand anderer als du für den Tod deines Kindes oder Partners verantwortlich ist? Weil du dich nicht genug gekümmert, gemacht, getan hast? Weil er oder sie ohne dich noch am Leben wäre, wenn du nur deine Bedürfnisse zurückgestellt hättest? Achtsamer gewesen wärst? Und wer so schuldig ist, keine Freundlichkeit verdient hat, sondern nur Leiden und Strafe?


Dann frage dich, ob du anderen Menschen auch so unversöhnlich und hart gegenüber wärst. Hat nicht jeder von uns ein bisschen Freundlichkeit verdient? Ein nettes Wort? Eine Gratulation zum Geburtstag? Ein Spaziergang an der frischen Luft? Ein gutes Gespräch? Ein schönes Buch? Etwas Gutes zu essen?


Ich meine, Freundlichkeit ist nichts, was du dir verdienen musst. Sie steht dir einfach zu, genauso wie jedem anderen deiner Mitmenschen. Deshalb möchte ich dich ermuntern, dir diese Freundlichkeit zu schenken, auch wenn du meinst, dass sie dir nicht zusteht. Du bist durch deinen Verlust schon genug gestraft. Ich wünsche dir, dass du den Mut findest, dieses kleine bisschen Licht in dein Leben zu lassen.


Achte auf dich.

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