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  • Antje Przyborowski

Teile deinen Schmerz

Aktualisiert: 25. Okt. 2022

Wenn wir in eine Krise geraten, versuchen wir oftmals, den daraus resultierenden Schmerz zu verdrängen. Wir denken, wir müssen uns allein durchkämpfen. Wir glauben, dass wir von all dem nach außen nichts zeigen dürfen. Wir versuchen dann, den „schönen“ Schein zu wahren, der jedoch nichts mit unserem Inneren zu tun hat. Wir „ertragen“ unser Leid. Ziehen uns zurück, nur um andere nicht zu belästigen. Zumal wenn wir den Eindruck bekommen, dass es allen anderen gut geht.


Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass es deine Mitmenschen genauso machen? Dass auch sie ihren Schmerz, ihre Trauer oder ihre Angst verdrängen? Statt dass ihr euren Schmerz miteinander teilt, leidet ihr beide. Gerade diejenigen, von denen du es vielleicht nie erwartet hättest, haben genauso wie du ihre dunklen Stunden. Die, in denen sie an sich zweifeln oder den Eindruck haben, alles hätte sich gegen sie verschworen. Wenn du ihnen deine Seele öffnest, wirst du feststellen können, dass es ihnen genauso oder ähnlich geht.


Natürlich gehört dazu viel Mut. Oftmals haben uns unsere Eltern oder Großeltern beigebracht, dass man mit seinem Leid nicht „hausieren“ geht, sondern es still erträgt. Doch dieses stille Ertragen macht dich auch einsam. Deshalb möchte ich dich ermutigen, deine Nöte zu teilen. Vielleicht wirst du nicht bei jedem deiner Mitmenschen auf Verständnis stoßen. Aber gerade gute Freunde und Freundinnen können dir hier eine Hilfe sein. Denn jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen. Im Teilen könnt ihr beieinander Trost finden.




Dein Blick auf dich selbst


Wenn du auf dich selbst blickst, schaust du in der Regel nicht unvoreingenommen hin. In diesem Blick sind die Bewertungen und Urteile enthalten, die du im Verlauf deines Lebens erhalten hast: von deinen Eltern, deinen Großeltern oder anderen Verwandten, von Freunden, Arbeitskollegen, Nachbarn. Du beurteilst anhand dessen, was du gelernt und vorgelebt bekommen hast.


Gern schleichen sich dann Werturteile ein, die du übernommen und bisher nie in Frage gestellt hast: „Stell dich nicht so an!“ „Du musst nur wollen!“ „Andere haben Schlimmeres überstanden!“ „Das Leben ist kein Ponyhof!“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ Bestimmt fallen dir noch viele mehr ein.



Du bist dein schärfster Kritiker


Dadurch, dass du diese Urteile verinnerlicht hast, wirst du zu deinem schärfsten Kritiker. Was du bei anderen vielleicht noch durchgehen lassen würdest, kreidest du dir selbst an. Doch nicht nur das. Du wertest dich ab. Und zwar gründlich. Diese Urteile unterstellen nämlich, dass es nur an dir liegt, dass es dir nicht gut geht. Du hast nicht genug gewollt, gekämpft, getan ... Du warst (oder bist) zu empfindlich usw.


Wenn du dann in eine Krise gerätst, zum Beispiel durch den Verlust eines lieben Menschens, und dein Leben völlig auf den Kopf gestellt wird, bist du vielleicht erst recht versucht, deine Verletzungen und deine Schwächen vor deinen Mitmenschen zu verbergen. Sie sollen nicht sehen, wie schlecht es dir geht, wie wenig du „dein Leben im Griff hast“. Vielleicht ziehst du dich zurück in der Hoffnung, dass du das alles allein wieder hinbekommst.



Unser Blick auf andere


Im Gegensatz dazu beurteilen wir andere Menschen oft nach dem, was wir von außen sehen. Oberflächlich scheint alles in Ordnung zu sein: Sie wirken glücklich mit ihrem Partner. Ihre Kinder sind gut geraten und immer nett zu ihren Eltern. Der Job läuft perfekt und macht sie glücklich. Das Geld reicht für alles, was sie sich nur wünschen. Du bekommst den Eindruck, dass ihnen mühelos zu gelingen scheint, was bei dir (gerade) nicht geht.


Doch meist trügt dieser schöne Schein. Hinter ihm verbergen sich neben den schönen Momenten genauso Schmerz. Neben den Höhen finden sich auch Tiefen, die du von außen nicht vermuten würdest. Denn viele versuchen wie du, sich ihren Schmerz und ihre Nöte nicht anmerken zu lassen. Nach außen wird auch von ihnen der Schein gewahrt. Sie überspielen ihre Probleme und das, was sie bedrückt, genauso wie du.



Neid macht das Leben schwer


Da du aber die Nöte anderer nicht kennst, kann dich ihre vermeintliche Problemlosigkeit immer weiter hinunter ziehen. Gefühle wie Neid können in dir hochkriechen und dein Leben noch schwerer machen, als es sowieso schon ist. Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und vor allem Einsamkeit kann sich in dir breit machen.


Wenn dann jemand kommt und dich fragt, wie es dir geht, magst du vielleicht gar keine ehrliche Antwort geben, weil du den Eindruck hast, dass derjenige sowieso nicht daran interessiert ist, weil es ihm ja gut geht. Das ist schade, denn damit vergibst du dir selbst eine Möglichkeit, Trost und Hilfe zu finden. Denn du bist nicht allein.



Was dir das Teilen bringen kann


Das wirst du aber nur herausfinden, wenn du dich anderen öffnest. Wenn du die Chance ergreifst und dich zum Beispiel mit deinen Freundinnen zusammensetzt, dann wirst du wahrscheinlich feststellen, dass auch sie ihre Sorgen und Nöte haben. Indem du dich ihnen öffnest, kannst du Trost und Hilfe erfahren. Jeder von uns hat seine kleine Geschichte zu erzählen. Indem ihr euch austauscht, helft ihr euch gegenseitig.


Vielleicht hat nicht jede oder jeder Verständnis für dich. Aber dann ist er oder sie in dieser Situation auch nicht der oder die Richtige für dich. Denn nicht jeder kann und will womöglich mit deiner schwierigen Situation umgehen. Das kannst du nicht ändern, nur akzeptieren.


Vielleicht kann dir auch eine Trauergruppe in deinem Ort weiterhelfen. Oder eine Gruppe im Internet. Egal, wo du dir die Möglichkeit zum Austausch suchst, sie zeigt dir, dass du nicht allein bist. Nicht umsonst sagt ein Sprichwort: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Wenn du deine Seele öffnest und deinen Schmerz mit anderen teilst, kannst du Entlastung erfahren.


Achte auf dich.

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