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  • Antje Przyborowski

Unsent Letter – Ein Brief, der nicht verschickt wird

Gerade wenn ein Tod oder eine Trennung überraschend kommen und du dich nicht vorbereiten oder verabschieden konntest, bleiben viele Dinge ungesagt. Du trägst sie nach dem Verlust weiter mit dir herum. Hätte ich doch ... Wenn ich doch nur ... Ich wollte doch noch ...


Vielleicht quälen dich Fragen, die nicht beantwortet wurden und dich jetzt nicht loslassen. Du hättest gern eine Antwort, hast sie aber zu Lebzeiten entweder nicht gestellt oder keine befriedigende Antwort erhalten. Auch jetzt, wo dein Ansprechpartner nicht mehr da ist, sind die Fragen nicht weg. Sie beschäftigen dich weiterhin. Wieso hast du ...? Warum hast du nicht ...?


Ein Brief an den Menschen, den du verloren hast, kann dir helfen, dir diese Last von der Seele zu schreiben. Es ist nicht erforderlich, dass der Brief seinen Adressaten tatsächlich erreichen kann. Es reicht, die Dinge, die dich bewegen, niederzuschreiben und vorzulesen.



Unterschiede zum herkömmlichen Brief


Je nachdem, wie alt du bist, hast du vielleicht früher selbst Briefe geschrieben. An die Oma, die weiter weg wohnte. An deine Eltern, wenn du im Ferienlager warst. Immer ging es darum, den Menschen, die du liebst, mitzuteilen, wie es dir geht. Telefonieren war oftmals nicht möglich. Handys, E-Mail oder Social-Media-Kanäle gab es noch nicht. In diesen Briefen hast du meist darauf geachtet, was deinen Gegenüber interessieren würde. Du hast versucht, dich in ihn hineinzuversetzen. Es war dir wichtig, den Adressaten nicht zu verletzen.


Im Gegenzug dazu gibt es beim Unsent Letter keine Restriktionen. Du schreibst, was dir auf dem Herzen liegt. Denn dieser Brief wird seinen Adressaten nie erreichen. Du darfst schimpfen, heulen, verzweifeln, mit Schimpfwörtern um dich werfen. Niemand wird dir sagen: „Das macht man doch nicht!“ Alle Gefühle, die dich bewegen, dürfen hinein. Es gibt keine Tabus.


Gründe für einen Unsent Letter


Beziehungen zu uns nahestehenden Menschen sind nicht immer einfach. Manchmal stehen zum Beispiel Schuldvorwürfe unausgesprochen im Raum. Verstirbt dann derjenige oder verschwindet aus deinem Leben, bleibst du allein damit zurück. Er oder sie ist weg, aber dir geht es trotzdem nicht besser. Du konntest deinen Frieden nicht damit machen, so dass es dich weiter belastet.


Wenn Verantwortung nicht übernommen oder vom Tisch gewischt wurde, ist es genau so. Wie sollst du dann vergeben? Das müssen nicht mal ganz schlimme Vergehen sein. Es reichen die kleinen Dinge, die dir dein Leben schwer gemacht haben: verletzende Worte, gemeine Streiche, das Gefühl, dass du weniger als deine Geschwister von deinen Eltern geliebt wurdest.


Noch schwieriger wird es, wenn zum Beispiel Gewalt im Spiel war. Oftmals werden diese Vorfälle in Familien tabuisiert. Man spricht nicht darüber. Außerdem hat das Opfer bestimmt einen Anteil daran. Opfer-Täter-Verhältnisse werden umgekehrt, Schuld dem Opfer zugesprochen.


Insbesondere im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern bestehen diese Abhängigkeiten. Egal, wie alt unsere Eltern sind, egal, wie alt wir sind. Im Verhältnis zu unseren Eltern gibt es auch später noch eine Über- und Unterordnung. Unsere Eltern treffen uns mit ihren Wertungen am tiefsten. Weil wir sie am längsten kennen. Vor allem aus einer Zeit, in der wir klein und abhängig von ihnen waren. Wenn dir ein Fremder in vorwurfsvollem Ton sagt „Da hast du dir aber nichts dabei gedacht!“, dann können wir es vielleicht einfach zur Kenntnis nehmen und uns sagen, der ist eben so. Wenn dies ein Elternteil tut, auch wenn wir bereits längst erwachsen sind, berührt es uns emotional viel tiefer. Wir sind getroffen, fühlen uns schuldig oder werden wütend. Oftmals ist es uns aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich, diese Dinge mit unseren Eltern zu klären. Wenn sie dann versterben, bleibt eine offene Wunde. Es reicht auch, wenn sie dement werden und damit rational für dich nicht mehr ansprechbar sind. Mit einem Brief kannst du dir helfen, dass diese Wunde irgendwann heilt. Der Brief ist dein Pflaster.


Doch auch dann, wenn du ein sehr inniges Verhältnis zum Verstorbenen hattest, bleiben manchmal Dinge ungesagt. Dann ist da vor allem eine große Leerstelle. War er eine Stütze für dich, dann schwankt plötzlich deine ganze Welt, weil er nicht mehr da ist. War er dein Freund fürs Leben, ist keiner mehr da, der dir so zuhört wie er. Ihm dieses Fehlen in einem persönlichen Brief zu bekennen, kann dir ebenfalls helfen, dass deine Wunden durch den Verlust langsam heilen.


Inhalt des Briefes


Du siehst schon – je nachdem, wie dein Verhältnis zu dem Verstorbenen war, wird dein Brief anders ausfallen. Im Gegensatz zur Trauerrede, die ja auch immer noch andere Adressaten hat, gibt es in diesem Brief keine Tabus. Gerade, wenn Vorwürfe im Raum stehen, haben sie darin ihren Platz. Dein Brief muss nicht diplomatisch sein. Im Gegenteil. Sprich darin aus, was dir auf der Seele liegt. Wenn du es weiter in dir behältst, es wieder und wieder herunterschluckst, wirst du irgendwann daran ersticken.


Von Budda ist folgender Ausspruch überliefert:


„Wut ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der Andere stirbt.“


Gerade wenn der Andere bereits tot ist, wirst du spüren, dass die Wut nicht weg ist. Sie stirbt nicht mit dem Anderen. Sie schlummert weiterhin in dir, bereit, bei der nächstbesten Gelegenheit wieder hochzukommen. Es braucht eine Möglichkeit, diese Wut abzugeben. Zum Beispiel an einen Brief. Wenn du diesen Brief im Nachgang verbrennst, verbrennt vielleicht deine Wut mit. Sollte sie wiederkommen, kannst du den nächsten Brief schreiben. Bis du fühlst, dass es jetzt gut ist.


Vergebung kann möglich werden


Um Missverständnisse auszuräumen: Durch diesen Brief an den Verstorbenen verschwinden nicht die Ereignisse, die dich verletzt haben. Aber du hast die Möglichkeit, deinen Frieden damit zu machen, vielleicht auch zu vergeben. Was du vergeben hast, wird dich nicht mehr in dem Maße belasten wie zuvor. Du kannst dann beginnen, dein eigenes Leben zu leben und einen neuen Abschnitt in Angriff zu nehmen.


Je nachdem, wann du einen Brief schreibst, wird er anders ausfallen. Kurz nach dem Verlust wird noch viel Wut, Verzweiflung und Trauer darin sein. Alles ist noch ganz frisch.

Später kann es dann auch ein Abschiedsbrief sein. Du blickst nochmals zurück auf die Zeit seit dem Tod des Verstorbenen oder – zum Beispiel bei schwerer Krankheit – seit der Diagnose. Du schreibst dem Verstorbenen, wie es dir ergangen ist, wie dein Leben ohne ihn ist. Du ziehst ein Resümee. Du verabschiedest dich von ihm, lässt ihn ziehen. Weil du weißt, dass du weiterhin mit ihm verbunden bist. Du hast gelernt, ohne seine körperliche Anwesenheit zu leben. Du weißt, dass er trotzdem noch bei dir ist. In deinem Alltag. In deinen Erinnerungen. In dem, was er dir hinterlassen hat.


Das Schreiben


Ein solcher Brief ist in der Regel nicht an einem Tag geschrieben. Nimm dir Zeit dafür. Schreibe immer, wenn dir etwas wichtig ist. Spüre genau in dich hinein, wie es dir beim Schreiben geht. Wenn du merkst, es ist zu viel, unterbrich das Schreiben. Vielleicht geht es morgen, in ein paar Tagen oder Wochen besser. Niemand drängt dich. Du hast alle Zeit der Welt.


Oftmals verändern sich unsere Gefühle im Verlauf des Schreibprozesses. Wo am Anfang vielleicht nur Wut und Unverständnis da ist, zeigen sich später eventuell neue Erkenntnisse. Gerade wenn du ein ambivalentes Verhältnis zum Verstorbenen hattest, wirst du vielleicht feststellen, dass er oder sie auch positive Seiten hatte. Die wenigsten Menschen sind nur schlecht oder nur gut. Sie haben Stärken und Schwächen wie wir alle. Vielleicht gelingt es dir, mit der Zeit diese beiden Seiten zu erkennen.


Wenn du das Gefühl hast, dass der Brief fertig ist, solltest du ihn dir vorlesen. Nimm noch einmal genau wahr, wie es dir dabei geht. Wenn du den Eindruck hast, es fehlt noch etwas, ergänze es einfach.


Wenn du beim Schreiben spürst, dass es dir schlechter geht als zuvor, dann scheue dich nicht, dir Unterstützung zu holen. Ein Freund, ein Bekannter oder auch ein Therapeut können hier eine große Hilfe für dich sein.


Was du mit dem Brief tun kannst


Du kannst mit dem fertigen Brief tun oder lassen, was du möchtest. Vielleicht willst du ihn aufheben. Oder ihn stattdessen auf den Friedhof oder an einem Platz deiner Wahl vergraben. Verbrennen ist auch eine Möglichkeit. Du kannst ein Papierboot daraus falten und es einen Fluss hinunterfahren lassen. Oder du zerreißt den Brief in kleine Schnipsel. Stell dir die einzelnen Möglichkeiten zunächst vor deinem inneren Auge vor. Wonach ist dir jetzt? Wo wäre dieser Brief gut aufgehoben? Wie kann er den Verstorbenen erreichen, damit der Brief dich entlastet? Du bist wie bei allem, was du schreibst, der Herr über diesen Brief.



Ein Unsent Letter ist eine gute Möglichkeit, einem Menschen, der aus unserem Leben verschwunden sind, noch etwas zu sagen. Du kannst dir offene Fragen oder Probleme, die du mit diesem Menschen hattest, von der Seele schreiben. Da dieser Brief nicht versendet wird, bist du auch frei in Inhalt und Gestaltung dieses Briefes. Der innere Zensor bleibt außen vor.


Ein solcher Brief kann dich entlasten sowie ein neues Licht auf die Ereignisse werfen lassen. Vielleicht kannst du Geschehnisse vergeben, so dass sie dich künftig nicht mehr belasten. Das kann sehr befreiend und eine Chance auf einen Neubeginn sein.


Ob du nur einen Brief schreibst oder mehrere, bleibt dir überlassen. Gerade wenn die Trauer wiederkehrt und du das Schreiben und Vorlesen als Entlastung empfunden hast, kannst du es immer wieder tun. Einige Menschen haben gute Erfahrungen damit gemacht, jedes Jahr am Todestag einen solchen Brief zu schreiben.


Hast du schon mal einen Unsent Letter geschrieben? Wie ging es dir damit?


Achte auf dich.

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