top of page
  • Antje Przyborowski

Warum dich Trauer so aus dem Gleichgewicht werfen kann

Gestern war noch alles (oder fast alles) heil, heute schon liegt deine Welt in Scherben. Trauer bestimmt dein Leben. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Aus heiterem Himmel fängst du an zu weinen, wirst wütend, fühlst dich ohnmächtig. Vielleicht fragst du dich manchmal, warum es der Trauer gelingt, dich so aus dem Gleichgewicht zu werfen. Wieso du dein Leben und deine Gefühle von jetzt auf gleich nicht mehr unter Kontrolle hast.


Verluste, wie zum Beispiel den Tod eines geliebten Menschen, können unser Vertrauen in die Welt, das Leben oder auch in uns selbst erschüttern. Sie nehmen uns die Kontrolle über unser Leben. Seine Planbarkeit, Vorhersehbarkeit werden ad absurdum geführt. Nichts davon haben wir geplant. Nichts davon hätten wir uns so gewünscht. Das Vertrauen, dass alles gut wird, ist weg. Stattdessen sind da jede Menge „Warum?“ und „Wieso?“.


Nachts liegst du vielleicht wach und grübelst über diesen Fragen. Deine Gedanken drehen sich im Kreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Vielleicht ist das das Schwerste an der Trauer: Diese Fragen auszuhalten und zu erkennen, dass es auf sie oftmals keine oder keine befriedigende Antwort gibt. Außer: Es war so. Es ist passiert. Und diesen Verlust in dein Leben zu integrieren.



Sicherheit ist wichtig im Leben


Jeder Mensch benötigt Sicherheit in seinem Leben. Der eine mehr, der andere weniger. Ohne Sicherheit fehlt uns das nötige Gleichgewicht, um unseren Alltag zu bewältigen. Die Woche hat sieben Tage. Montags bis freitags gehst du vielleicht arbeiten. Am Wochenende hast du frei. Du fährst einmal im Jahr in den Urlaub. An Weihnachten und an den Geburtstagen trifft sich die Familie. Du kommst finanziell klar, auch wenn es vielleicht nicht üppig ist. Wenn du Probleme hast, kannst du dich an deine Familie, deine Freunde oder Nachbarn wenden. Du hast ein Umfeld, was dich trägt.


Der Verlust eines geliebten Menschen nimmt uns jedoch die Sicherheit, Kontrolle über unser Leben zu haben. Noch gestern hattest du die Eindruck: das Leben läuft. Zwar mit Ecken und Kanten und einem Schleudern hier und da. Aber im Großen und Ganzen lief es. Du hattest dein Leben im Griff. Du wusstest so im Groben, was als nächstes passiert. Dein Leben war planbar, vorausschaubar.



Trauer nimmt die Sicherheit


Plötzlich wird diese Sicherheit wie durch ein Erdbeben erschüttert. Dein Partner bekommt zum Beispiel Krebs und stirbt innerhalb kurzer Zeit unter starken Schmerzen. Dein Kind kommt bei einem Unfall ums Leben. Dein Vater, der bisher immer die Stütze in deinem Leben war, erleidet einen Herzinfarkt und verstirbt. Nichts hat dich auf diesen Verlust vorbereitet. Nichts, was du tust, kann ihn rückgängig machen. Egal, wie sehr du dich anstrengst.


Wie sollst du dann noch vertrauen? Alles wird gut? Die Welt ist ein sicherer Ort? Die Trauer in dir sagt dir etwas anderes. Denn sonst wäre das alles ja nicht passiert. Stattdessen spürst du: Nichts ist sicher. Nichts ist gut. Du kannst nicht vertrauen. Mit einem Fingerschnips ist das, was dir lieb, teuer und wichtig war, einfach weg. Ohne dass du gefragt wurdest. Wie sollst du dich in einer für dich unsicher gewordenen Welt zurechtfinden. Was ist denn überhaupt noch sicher?



Fragen über Fragen


Dieser Verlust von Vertrauen erschüttert dein ganzes Leben. Statt Gewissheiten stürmen jetzt Fragen über Fragen auf dich ein: Hätte ich nicht etwas tun können? Warum musste mein Partner so früh sterben? Wieso habe ich meinem Sohn das Motorrad gekauft, mit dem er verunglückt ist? Wieso musste mein Mann so qualvoll an Krebs sterben? Warum habe ich ihn nicht zur Vorsorge gedrängt? Oder: Warum wurde bei der Vorsorge nichts gefunden? Gerade dann, wenn jemand sehr plötzlich und unerwartet oder aufgrund einer schweren Krankheit stirbt, kommen diese Fragen gekrochen. Auch Neidgefühle drängen sich oft regelrecht auf. Wieso lebt XY noch und macht mir das Leben schwer, während mein Liebster sterben musste?


In deinem Kopf rattert es. Stunde um Stunde brütest du vielleicht über immer den selben Fragen. Nachts lassen sie dich nicht schlafen. Es gelingt dir nicht mehr zur Ruhe zu kommen. Stattdessen drehst du dich gedanklich im Kreis und findest keine befriedigende Antwort. Denn leider gibt es sie auf die „Wiesos?“ und „Warums?“ nicht. Der Tod eines Menschen oder eine schwere Krankheit haben nichts mit Gerechtigkeit und Verdienst zu tun. Im Gegenteil, sie fragen nicht danach.



Die Antwort ist „Ja“


Diese Antwortlosigkeit auszuhalten, ist schwer. Wir sind in unserem Leben immer bemüht, auf alles eine Antwort zu finden. Gründe sind uns wichtig. Wir wollen wissen, warum etwas passiert ist. Wir benötigen eine erklärbare Welt. Im Angesicht des Todes verlischt die Erklärbarkeit. Wir können ihn nur hinnehmen. Egal, wie wir mit ihm hadern, es ändert nichts. Der Tod ist auch nicht verhandelbar. Er gehört – so schlimm sich das anhört – zum Leben dazu.


Dies zu akzeptieren, ist ein erster Schritt aus der Trauer heraus. Zu erkennen, dass es so ist. Ja, mein Partner ist gestorben. Ja, mein Vater ist nicht mehr da. Und sich daran zu erinnern, dass diese Menschen zwar jetzt nicht mehr körperlich bei dir sind, aber Teil deines Lebens sind. In deinen Gedanken, deinen Erinnerungen leben sie weiter. Denn ein Mensch ist erst dann wirklich tot, wenn es niemanden mehr gibt, der sich an ihn erinnert.


Vertrauen und Sicherheit neu aufbauen


Trauerarbeit heißt auch, durch den Trauerfall erschüttertes Vertrauen in die Welt, dich selbst oder andere wieder neu aufzubauen. Du bist nicht völlig hilflos. Du kannst nach wie vor Dinge verändern und beeinflussen. Auch wenn du zum Beispiel den Tod deines Partners nicht verhindern konntest. Dies zu erkennen, wird Zeit benötigen. Nimm dir diese Zeit.


Suche dir Hilfe, wenn du Unterstützung benötigst. Auch wenn andere Menschen sie nicht benötigen oder als nicht nötig erachten: Du bist nicht „andere“, du bist du. Falsche Scham oder Vergleiche mit anderen bringen dich in der Trauer nicht weiter. Also scheue dich nicht, Unterstützung in der Trauer zu suchen. Es ist dein Leben und nur du kannst es leben.


Achte auf dich.

4 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Beitrag: Blog2_Post
bottom of page